Interview mit Pater Anselm Grün

„Die Heilkraft der Natur“
Kräuter, Mythen und Rituale im Jahreskreis

„Die Natur mit ihrem Werden und Vergehen erinnert uns an die eigene Vergänglichkeit. Sie erinnert uns daran, dass wir immer wieder aufbrechen, wachsen, blühen und loslassen müssen.“

(Aus dem Buch von Pater Anselm Grün und Susanne Türtscher)

Herr Pater Anselm Grün, in Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit dem heilenden Wissen der Natur. Was hat es damit auf sich?

Pater Anselm GrünPater Anselm Grün: Die Menschen haben ursprünglich in der Natur eine Lehrerin der Weisheit gesehen. Und sie haben die heilende Wirkung der Natur immer gespürt. Die Kirche hat diese heilende Wirkung immer geschätzt. Aber in den letzten Jahrzehnten ist dieses Wissen teilweise verloren gegangen.

Ist es wirklich so, dass der Rhythmus des Menschen durch den Rhythmus der Natur geprägt wird?

Pater Anselm Grün: Die Natur arbeitet im Rhythmus; der Mensch hat einen Biorhythmus. Wer gegen seinen inneren Rhythmus arbeitet, der beutet sich aus. C.G. Jung meint, wer im Rhythmus arbeitet, könne nachhaltiger und effektiver arbeiten.

Als Autor zusammen mit der Heilpflanzen-Expertin Susanne Türtscher verbinden Sie die Weisheit der Natur und ihre Mythen mit der christlichen Botschaft. Ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft für dieses Thema genügend Raum?

Pater Anselm Grün: Die Menschen sind heute in Gefahr, ihre Wurzeln zu verlieren. Daher ist in den letzten Jahren ein neues Bewusstsein gewachsen, dass wir unsere Wurzeln wieder neu entdecken. Und für uns im Abendland sind das eben die christlichen Wurzeln. Aber die christlichen Wurzeln haben auch die älteren heidnischen Wurzeln nicht abgeschnitten, sondern gleichsam christlich getauft. Die Mythen sprechen unsere tiefsten Sehnsüchte an. Da erlebe ich durchaus eine neue Offenheit für die Weisheit der Mythen und für die Weisheit der christlichen Tradition.

Auch den Ritualen wird in Ihrem Text große Bedeutung beigemessen…

Pater Anselm Grün: Die Rituale haben eine heilende Wirkung. Sie schaffen einen heiligen Raum und eine heilige Zeit. Für die Griechen z.B. vermag nur das Heilige wirklich zu heilen. Die Rituale geben mir das Gefühl, dass ich selber lebe, anstatt gelebt zu werden.

Ist es so, dass wir in dem Wesen einer Pflanze etwas von uns selbst entdecken? Sie sehen auch einen Weg, sich den Kräutern zu nähern, in der Spiritualität. Was meinen Sie mit diesen Erkenntnissen?

Pater Anselm Grün: Heilkräuter haben nicht nur chemische Substanzen, die heilsam sind. Sie sind auch in ihrer Art, wie sie wachsen, ein Bild für uns. Die Königskerze zeigt uns z.B. unsere königliche Würde.

Viel mehr zu dem umfassenden Themenkomplex berichtet Pater Anselm Grün in seinem Vortrag in Illingen. Die ZuhörerInnen dürfen sich darauf freuen.

Portrait Pater Anselm Grün

Pater Anselm Grün, 67, trat mit 19 Jahren in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein. Er studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft und ist seit 1977 Cellerar (wirtschaftlicher Leiter) der Abtei Münsterschwarzach und damit für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. In zahlreichen Vorträgen und Kursen geht er auf die Nöte und Fragen der Menschen ein. 2007 wurde Pater Anselm mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Mitautorin Susanne Türtscher ist Bäuerin, Heilpflanzen-Expertin, Gründerin der „Alchemilla Kräuterfrauen“ und zudem kreativ in ihrer „Crescenda“-Kräuterwerkstatt tätig.

Internet:
www.anselm-gruen.de
www.vier-tuerme-verlag.de