Fragen an Pater Anselm Grün

„Versäume nicht dein Leben“

„Wer eine Gelegenheit versäumt, der verpasst etwas Wichtiges.
Er verpasst das Leben.“

Wie geht das? Wieso kann man sein Leben versäumen, obwohl man es doch lebt?

Pater Anselm Grün: Man versäumt das Leben, wenn man nur Zuschauer bleibt, wenn man sich weigert, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Ist es so, dass vielen Menschen der Sinn fehlt?

Pater Anselm Grün: Ja, viele Menschen sehen keinen Sinn in ihrem Leben. Sie haben den Eindruck, dass die Welt von andern bestimmt wird. So fragen sie sich, was ihr Leben soll. Sie erkennen keinen Sinn, für den sie ihr Leben einsetzen sollten.

Sie berichten in Ihrem Buch von jungen Menschen, die zu wenig wagen und von Älteren, die sagen, dass sie nie gelebt haben. Wie ist das zu verstehen?

Pater Anselm GrünPater Anselm Grün: Junge Menschen haben oft das Gefühl, dass sie noch nicht genügend ausgebildet sind. Sie haben Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. So verschieben sie den Start ins Leben, in die Berufswelt. Sie haben Angst vor Fehlern und bleiben daher lieber Zuschauer. Manche Ältere sagen mir: „Ich habe nicht gelebt. Ich habe immer nur getan, was die andern von mir wollten.“ Solche Menschen haben den Eindruck, dass ihr Leben nicht das war, was sie sich vorgestellt hatten.

Es gibt keinen Ratgeber, der nicht die Liebe als D I E Kraftquelle des Lebens benennt. Welchen Stellenwert messen Sie der Liebe als Grundlage für ein gelingendes Leben zu?

Pater Anselm Grün: Die Liebe ist sicher die wichtigste Quelle des Lebens. Aber Liebe ist mehr als Gefühl. Liebe ist eine innere Kraft. Letztlich ist Gott die Liebe. Und alle menschliche Liebe erinnert uns daran, dass in uns die Quelle der göttlichen Liebe strömt. Wenn wir aus dieser Quelle schöpfen, dann fl ießt unser Leben. Und bei einem fl ießenden Leben hat man das Gefühl von Glück. Das Leben gelingt.

Sie schreiben, Liebe ist Hingabe. Wie aber lässt sich dieses sensible Bedürfnis bei gegebenen Lebensumständen und im oft hektischen Alltag verwirklichen?

Pater Anselm Grün: Hingabe heißt: sich an die Arbeit hingeben, an den Augenblick hingeben, den Menschen hingeben, die ich liebe. Hingabe ist eine innere Haltung. Sie kann ich auch in unserer Zeit verwirklichen. Es liegt an mir, ob ich mich gegen die Arbeit wehre, die ich gerade tue, oder ob ich sie mit Hingabe leiste.

Sie wollen den Menschen wieder Mut machen, das Leben zu wagen. Welchen Rat haben sie zusätzlich für die Jugend, Leute in der Lebensmitte und ältere Menschen?

Pater Anselm Grün: Jungen Menschen würde ich sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh, so wie Jesus das dem Gelähmten sagt. Sie sollen sich nicht von ihren Zweifeln und Unsicherheiten lähmen lassen. Menschen in der Lebensmitte sage ich: Das, was du bisher gelebt hast, war gut, aber es war einseitig. Schaue, was in dir noch zum Leben kommen möchte und verbinde es mit dem bisher Gelebten. Älteren Menschen sage ich: Du brauchst nicht alles nachzuholen, was du versäumt hast. Söhne dich aus mit deinem Leben. Würdige das Leben, das du gelebt hast. Und lebe von jetzt an bewusster und achtsamer.

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Pater Anselm Grün zeigt in seinem Vortrag am 26. Oktober 2016 in Illingen, wie wir Bedenken und Ängste überwinden und unverzagt etwas anpacken und wagen können. Er macht Mut, über Grenzen zu gehen und das Leben mit Mut und Fröhlichkeit beim Schopf zu packen. Die Zuhörer dürfen sich darauf freuen.

Portrait Pater Anselm Grün

Pater Anselm Grün, geb. 1945, Dr. theol. ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Er zählt mit vielen Bestsellern weltweit zu den bekanntesten spirituellen Autoren der Gegenwart. Für zahlreiche Menschen ist er, unabhängig von ihrer Konfession, Ratgeber und spiritueller Wegbegleiter.