Interview mit Dr. phil. Mathias Jung

„Das Geheimnis der Partnerwahl – warum wir uns finden, hassen und lieben“

Dr. phil. Mathias JungHerr Dr. Jung, Ihr neues Buch handelt davon, wie wir uns suchen und finden – von Glück und Scheitern in der Liebe. Gibt es die Illusion der Liebe (noch)?

Dr. Jung: Am Anfang der Verliebtheit steht meist die Illusion: „Ich habe den Traummann, die Traumfrau gefunden!“ Diese Verzauberung und Selbsttäuschung ist die notwendige, vorübergehende Anschubkraft der Beziehung. Wir heiraten gewissermaßen im Stadium der verminderten Zurechnungsfähigkeit.

Heute wird jede dritte Ehe geschieden. Es gibt immer mehr Singles. Sie schreiben, diese seien die Seismografen einer komplizierten Beziehungslandschaft. Was meinen Sie mit dieser Aussage?

Dr. Jung: Das Millionenheer der Singles weist auf die Schwierigkeit heutiger Bindungen hin. Früher musste die Ehe aus ökonomischen und religiösen Gründen gusseisern halten. Frauen stürzten bei einer Scheidung finanziell und gesellschaftlich ab. Das hat sich radikal geändert. Wenn Männer zu emotionalen Sparschweinen werden, gehen heute die Frauen. Sie sind selbstbewusst und unabhängig geworden. In den Großstädten wird heute jede zweite Ehe geschieden.

Und worin besteht Ihrer Ansicht nach die Kunst, als Paar (glücklich) zu leben?

Dr. Jung: Darin, durch die Phase der Ent-Täuschung zu gehen, sich zu streiten, zu fetzen, sich zu verzeihen, nicht stehen zu bleiben, sondern sich weiterzuentwickeln – in Respekt und Wertschätzung. „Die Liebe“, sagte der Dramatiker Bertolt Brecht, „ist eine Produktion. Sie ist Arbeit, Knochenarbeit.“ Es jodelt sich eben nicht so einfach aus der Lederhose.

Was sagen Sie auf die Frage: Warum habe ich gerade diese(n) PartnerIn gewählt?

Dr. Jung: Ich antworte: Wo hat er dich positiv ergänzt? Wo hat er dich jedoch im negativen Sinn entlastet? Hast du als antriebsschwache Frau etwa deinen Mann unbewusst gewählt, weil du selbst lebensuntüchtig warst? Hast du schmallippiger Mann deinen emotionalen Kachelofen von Frau ausgesucht, um an deiner eigenen Gefühlsverschlossenheit nicht arbeiten zu müssen? Genau in diesen neurotischen Partnerkonstellationen entstehen Jahre später die ehelichen Materialermüdungen und Sollbruchstellen.

An Ihrem letzten Vortrag „Mut zum Ich“ im Herbst 2010 nahmen überraschend viele Männer teil. Denken Sie, dass dieses aktuelle Vortragsthema „Partnerschaft“ sowohl für Männer als auch für Frauen (und auch für Paare) interessant ist?

Dr. Jung: Sogar vor allem für Männer! Sie leiden zunehmend auch an der Lieb- und Leblosigkeit ihrer Beziehungen. Die Schriftstellerin Françoise Sagan stellte fest: „Von manchen Menschen glaubt man, sie seien tot. In Wahrheit sind sie nur verheiratet.“ Männer und Frauen müssen lernen, an der gemeinsamen Paarrevolution zu arbeiten, sonst wird die Beziehung zum Kerker. Wie warnt der Narr in Shakespeares „Was Ihr wollt? Gut gehenkt ist besser als schlecht verheiratet.“

Portrait Dr. phil. Mathias Jung

Dr. phil. Mathias Jung arbeitet als Gestalttherapeut und Philosoph am Gesundheitszentrum Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus in Lahnstein. Er ist Autor zahlreicher Bücher.