Interview mit Dr. phil. Mathias Jung

„KrankSein und GesundWerden“
Das Rätsel psychosomatischer Krankheiten

„Die Krankheit gab mir ein Recht zu einer vollkommenen Umkehr meines Lebens.“
Friedrich Nietzsche

oder

„Unglück ist auch gut. Ich habe viel von der Krankheit gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können.“
Johann Wolfgang von Goethe (in Anna Katharina Schönkopf)

Dr. phil. Mathias JungHerr Dr. Jung, in Ihrem Vortrag beschäftigen Sie sich mit der Psychosomatik. Warum spielt sie so eine große Rolle in unserem Leben?

Dr. Jung: Ärzte schätzen, dass über die Hälfte unserer Krankheiten psychosomatisch bedingt sind, mindestens aber einen seelischen, lebensbedingten Anteil haben. Gerät die seelische Problematik nicht in den eigenen Fokus (evtl. mit Hilfe einer Therapie), wird entweder ein Heilungserfolg verhindert oder es gibt einen medizinischen Rückfall.

Wie definieren Sie Krankheit – ist sie eine Kränkung und ist der Körper ein Kampffeld? Wie lässt sich diese Problematik beschreiben?

Dr. Jung: Krankheit zeigt sehr oft – nicht immer –, dass etwas mit unserer Lebenssituation nicht stimmt, dass wir einen neuen Weg gehen müssen. Der Schmerz ist ein klassischer Lehrmeister. Beispielhaft zeigt dies die reaktive Depression. Über sie gibt es in der Depressionsforschung einen scharfsinnigen Spruch: „Die Depression ist eine Dame in schwarz. Wenn sie an deine Türe klopft, weise sie nicht ab, sondern bitte sie an deinen Tisch und höre zu, was sie dir zu sagen hat“.

Es heißt: Ein Körper, der stört, ist zuvor gestört worden. Meinen Sie damit lebensbedingte Krankheiten?

Dr. Jung: Auch das. Zunächst haben wir den großen Komplex der ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten. Wenn wir jahrzehntelang das Falsche essen und dazu unseren Körper mit Alkohol und Nikotin vergiften, so wird ein derart misshandelter Körper letztendlich physisch krank. Das Gleiche gilt für die lebensbedingten Krankheiten. Wenn wir mit unserem Selbst schlecht umgehen, unachtsam sind, so wird auch die Seele erschöpft und krank.

Es ist offenbar eine Kunst, die Botschaft der Seele zu entschlüsseln. Wie macht man das?

Dr. Jung: Tatsächlich nehmen wir Krankheiten oft wie ein Fremdgeschehen wahr. Es ist für uns sozusagen eine außerirdische Invasion. Wir behandeln sie dann auch wie eine Infektion von außen. Wir rennen zu einem Arzt wie zu einem Kfz-Ingenieur. Er soll uns „durchchecken“ und Medikamente verschreiben. Wir haben zu unserem Körper ein völlig technisches Verhältnis wie zu einer Maschine. Krankheiten sind dann für uns „Pannen“. In Wahrheit konfrontiert uns die Krankheit oft mit unseren seelischen Defi ziten. Es ist schmerzhaft, dies zu erkennen. Krankheit ist Konfrontation mit sich selbst. Die Botschaft der Krankheitsentschlüsselung heißt erst einmal, Verantwortung für sie zu übernehmen. Dann gilt es auch die Organsprache zu entschlüsseln.

Was sind denn nun die Faktoren, mit deren Hilfe man als Persönlichkeit auch seine Gesundheit lange erhalten kann?

Dr. Jung: Gesunde Ernährung, Bewegung sowie genügend Schlaf. Auf der seelischen Seite zählen Achtsamkeit gegen mich selbst, Bindungsfähigkeit, Respekt und Zärtlichkeit gegenüber den Menschen in meiner Umgebung, Sinnerfüllung in Familie und Beruf, Neugier, geistige Beweglichkeit und Humor. Wie sagte der große Pionier der Psychosomatik, der Heidelberger Internist Prof. Viktor von Weizsäcker: „Die Krankheit kommt aus der Unwahrheit und die Gesundung aus der Wahrheit.“

Portrait Dr. phil. Mathias Jung

Dr. phil. Mathias Jung arbeitet als Gestalttherapeut und Philosoph am Gesundheitszentrum Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus in Lahnstein. Er ist Autor zahlreicher Bücher.