Interview mit Dr. phil. Josef Schwickerath

„Mobbing und Burnout in der Arbeitswelt“

„Es gibt vier Bereiche, die dauerhaft im Gleichgewicht sein müssen, um glücklich zu sein: Die Arbeit, Familie, körperliche Fitness und Freunde.“

Dr. phil. Josef SchwickerathHerr Dr. Schwickerath, nicht nur Depressionen und Burnout treten als Folge unserer hektischen und unsicheren Arbeitswelt auf. Auch Mobbing am Arbeitsplatz ist ein ernst zu nehmendes Problem geworden. Wie kann man Patienten helfen, die unter den Folgen des Mobbings krank geworden sind?

Dr. Schwickerath: Für Mobbing-Opfer ist zunächst Transparenz enorm wichtig. Die Therapie soll Menschen neues Selbstvertrauen geben. Anhand eines Stufen-Modells lernen die Patienten Schritt für Schritt Mobbing zu bewältigen, damit sie später in der Lage sind, Konflikte am Arbeitsplatz alleine und ohne Angst zu meistern.

Phase eins besteht darin, Distanz zu ihrem Job zu schaffen, zu Kollegen und Vorgesetzten. Ausdauersport wie Schwimmen und Laufen sollen dabei helfen, genau wie eine Genusstherapie, in der die Sinne der Patienten geschult werden.

In Phase zwei geht es darum, die eigene Mobbing-Situation verstehen zu lernen. Dabei stehen die Strukturen in einem Unternehmen, die Besonderheiten der Mobber, aber auch die individuellen Konflikte am Arbeitsplatz im Vordergrund. Welchen Anteil hat das eigene Verhalten möglicherweise an der Eskalation?

In Phase drei müssen sich die Patienten entscheiden, wie es nach der Therapie weitergehen soll. Kann und will ich in meinen Job zurück? Welche Perspektive will ich meinem Leben geben? Wenn diese Fragen beantwortet sind, kommt Phase vier.

Mit Hilfe von Rollenspielen werden Methoden trainiert, mit denen sie heikle Situationen auflösen können. Sie sollen sich aktiv und selbstbewusst im Beruf bewegen lernen. Viele müssen auch lernen, NEIN zu sagen.

Wie definieren Sie Mobbing und Burnout? Wie lässt sich diese Problematik kurz beschreiben?

Dr. Schwickerath: Mobbing ist ein lang andauernder Prozess, in dem jemand schikaniert, belästigt, beleidigt und/oder ausgegrenzt wird. Die Kommunikation am Arbeitsplatz ist durch Konflikte belastet. Der Mobbingbetroffene ist unterlegen. Die Mobbingattacken oder Schikanen tauchen häufig und wiederholt über einen längeren Zeitraum von mindestens einem halben Jahr auf. Es wird dabei jemand direkt oder indirekt von einer oder auch mehreren Personen angegriffen. Das Ziel besteht immer in der Ausgrenzung des Arbeitnehmers.

Burn-out bedeutet ausgebrannt sein mit folgenden Merkmalen: starke emotionale Erschöpfung, eine gefühllose, gleichgültige oder zynische Einstellung gegenüber Kollegen oder auch Kunden. Die persönliche Leistungskompetenz wird ausgesprochen negativ eingeschätzt.

Sie haben aus Ihrer 15-jährigen klinischen Tätigkeit und Forschung ein Therapiekonzept entwickelt, dessen wesentliche Ergebnisse in Ihrem Buch „Mobbing am Arbeitsplatz“, das Sie zusammen mit dem Diplom-Psychologen Moritz Holz geschrieben haben, festgehalten sind. Zusammengefasst: Welche Erkenntnisse kann man daraus lesen?

Dr. Schwickerath: Es wird in dem Buch ein Therapieprogramm für durch Mobbing erkrankte Arbeitnehmer vorgestellt, das sich langfristig bewährt hat. Dieses wurde in der AHG Klinik Berus entwickelt und wird dort durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen folgendes: Der Gesundheitszustand der Patienten besserte sich deutlich. Der vorhandene Leidensdruck nahm deutlich ab. Die Mobbingpatienten fanden die Therapie gut. Sie konnten das Mobbinggeschehen mit Abstand anders betrachten. Nach einer Entscheidung wurden konkrete Schritte wie Wiedereingliederung eingeleitet. Die Patienten konnten die Dinge in Zukunft gelassener sehen.

Es ist klar: Die sprunghafte Zunahme von Komplexität in unserem Leben hat große Auswirkungen auf das Verhältnis vom Menschen zu seiner Arbeit. Wenn dann noch Mobbing dazukommt…

Dr. Schwickerath: …ist es besonders schwer, den Anforderungen des Berufsalltags gerecht zu werden. Viele schaffen das nicht mehr. Es bleibt die grundsätzliche Frage, wie lange das in diesem Tempo noch möglich ist.

Wer ist denn aus Ihrer Sicht für Mobbing und Burnout „anfällig“?

Dr. Schwickerath: Man muss mehrere Beteiligte unterscheiden: Risiken in der Organisation, die Seite der Mobber und die Mobbingopfer selbst. Risikofaktoren in der Organisation sind u.a. schlechte Einflussmöglichkeiten, schlechter Informationsfluss, fehlende soziale Unterstützung, wenig Entscheidungskompetenz, schlechte Informationen des Vorgesetzten.

Merkmale von Mobbingbetroffenen sind z. B. ein erhöhtes Ungerechtigkeitsgefühl, wenig Selbstvertrauen, wenig Selbstbehauptung, erhöhte Verausgabungsbereitschaft, Probleme damit, NEIN zu sagen.

Was sollten die ersten Schritte für die Betroffenen sein? Welche Tipps geben Sie Ihren Patienten?

Dr. Schwickerath: Abstand bekommen, besser verstehen, was passiert. Klären, was die Arbeit im Leben für den Betroffenen bedeutet, sich um Familie und Freunde sowie die eigene Freizeit kümmern.

Wie kann man vorbeugen, damit man möglichst gar nicht erst in diese ungute Spirale hineingerät?

Dr. Schwickerath: Mobbing lässt sich nicht dadurch beseitigen, indem man nur die Opfer therapiert. Vielmehr müssten die Unternehmen aktiv dagegen vorgehen. Die ersten Firmen haben bereits begonnen, ihre Führungskräfte so zu schulen, dass sie in der Lage sind, Konflikte unter Mitarbeitern rechtzeitig wahrzunehmen und zu lösen. Erst wenn die Chefs erkennen, wie wichtig ein gutes Klima am Arbeitsplatz ist, wird sich etwas ändern.

Auf Seiten der Betroffenen gilt vor allem vorbeugend folgendes: Eigene Betroffenheit oder Probleme in der Ich-Form anzusprechen zu lernen ist ein wichtiges Merkmal zur Klärung. Ich-Botschaften sind kurz und präzise, z. B. ich bin verletzt oder gekränkt. Es ist wichtig, tatsächlich von sich zu reden. Es sollen keine „versteckten“ Du-Botschaften erfolgen, z. B. „ich ärgere mich über dich, weil du das und das gemacht hast“.

Viel mehr zu dem umfassenden Themenkomplex berichtet Dr. Josef Schwickerath bei seinem Vortrag in Blieskastel. Die Zuhörer dürfen sich darauf freuen.

Portrait Dr. phil. Josef Schwickerath

Dr. phil. Josef Schwickerath ist Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. Seit 1986 arbeitet er als Leitender Psychologe der AHG Klinik Berus, Europäisches Zentrum für Psychosomatik und Verhaltensmedizin. Seit März 2000 ist er 1. Vorsitzender eines Ausbildungsinstitutes für Verhaltenstherapie (IVV-Institut für Aus- und Weiterbildung in klinischer Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin e. V.), ist dort als Dozent, Supervisor und Prüfer tätig. Aktuelle Schwerpunkte seiner Arbeit sind Behandlungen u. a. zu psychosomatischen Erkrankungen bei Mobbing, Depressionen, Angststörungen, pathologischem Glücksspielen u. a.. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zu folgenden Themen: Mobbing, Pathologisches Spielen, Angsterkrankungen u.a.