Interview mit Pierre Stutz

„Vom Leben berührt“

Pierre StutzWas bedeuten Achtsamkeit, Spiritualität und Neugestaltung des Glaubens für Sie?

Pierre Stutz: Ein Weg der Achtsamkeit lädt mich ein, meinen Glauben nicht nur im Kopf zu erfahren, sondern ganzheitlich mit Leib-Geist-Seele unterwegs zu sein. Der Ursprung des Wortes „Spiritualität“ liegt im lateinischen Wort "spirare", was atmen bedeutet.

Wie leben Sie diese Grundsätze?

Pierre Stutz: Im alltäglichen Einüben eines gesunden Lebens- und Arbeitsrhythmus. Mein achtsames Atmen unterstützt mich, regelmäßig den Tag hindurch innezuhalten, um mich zu erinnern, dass es wohl auf mich ankommt, jedoch nie von mir alleine abhängt.

Eine Ihrer Thesen ist, dass jeder und jede Einzelne den eigenen Weg von Spiritualität und Glaube finden muss, um beides befreiend leben zu können. Was bedeutet das genau für Sie?

Pierre Stutz: Es bedeutet für mich, meiner Intuition zu trauen, der Stimme meines Herzens zu folgen, um mich nicht durch die Sachzwänge leben zu lassen. Natürlich brauchen wir Gemeinschaft, um uns selbst zu werden. Um mich jedoch nicht zu sehr im Außen zu verlieren, ermutige ich Menschen, bei sich selbst anzukommen, um aus ihrer inneren göttlichen Quelle zu schöpfen. So können wir ein Leben lang ein Original bleiben, und sterben nicht als Kopie!

Wie haben Sie das geschafft?

Pierre Stutz: Der Leidensdruck – ein zweijähriges Burnout – hat mich zu dieser Lebensweisheit geführt und auch meine tiefe Sehnsucht, immer mehr so werden zu können, wie wir von Anfang an gemeint sind, Abbild Gottes. Es bedeutet für mich, geborgen und frei zu sein. Wir sind immer mehr als Erfolg und Scheitern, in jedem von uns ist ein unerschöpfl iches Wachstumspotential.

In Ihrer frühen Karriere haben Sie mit Jugendlichen gearbeitet. Wie hat Sie das beeinflusst?

Pierre Stutz: Ich verdanke Kindern und Jugendlichen sehr viel. Sie haben mich herausgefordert, eine neue Sprache zu finden, um lebensnah-existentiell aufzeigen zu können, dass wir Gott niemanden beibringen müssen, weil er immer schon als Kraftquelle in uns lebt. Unsere Aufgabe besteht darin, einander zu aufzuzeigen, wo und wie wir Gott als tragenden Lebensgrund erfahren. Dabei sollen wir nicht zu weit suchen, sondern in der Musik, in Filmen entdecken, wie nahe uns der Urgrund aller Liebe ist.

Wie stehen Ihrer Meinung nach die jungen Menschen zu Glauben und zu Gott?

Pierre Stutz: Viele sind natürlich sehr kritisch, zum Glück. Darin liegt die Chance, dass wir zwischen den Zeilen entdecken, welch tiefe Sehnsucht junge Menschen bewohnt. Wie auch sie – allem Lärm zum Trotz – abschalten möchten, sich selbst werden möchten, mit gestalten möchten an einer Welt, die anders werden kann, zärtlicher und gerechter.

Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurück blicken, würden Sie etwas anders machen?

Pierre Stutz: Ich habe spät gelernt, erst mit 40 Jahren, auch gut mit mir selbst zu sein. Es tut mir jetzt noch weh, wie hart und ungeduldig ich mit mir selbst umgegangen bin, weil ich vom Liebesappell Jesu immer nur hörte „liebe deinen Nächsten“ und nicht gehört habe „wie dich selbst“.

Gab oder Gibt es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie zweifeln?

Pierre Stutz: Immer wieder, allein schon beim Zeitungslesen frage ich mich oft, ob ich mir die Welt nicht schönrede, wenn ich weiterhin mit Anne Frank an das Gute im Menschen glauben möchte. Ich kenne immer wieder Momente, in denen ich Angst habe vor dem Leben und zu wenig abrufen kann, dass ich ja gesegnet, angenommen bin, so wie ich jetzt bin.

Wie gehen Sie diesen Zweifeln entgegen?

Pierre Stutz: Ganz konkret, das tiefe Durchatmen ist der erste Schritt verbunden mit der Erinnerung, dass auch jetzt auf der ganzen Welt Jung und Alt sich für Frieden in Gerechtigkeit einsetzen. Befreiend sind für mich immer wieder die Psalmworte: „Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war“ (Ps 4,2)

Die täglichen Impulse in Ihrem neuen Buch halten fest, was Sie an einem bestimmten Tag berührt hat. Was bedeutet es für Sie, das niederzuschreiben, was Sie bewegt?

Pierre Stutz: Schreiben heißt für mich beten. Im Schreiben nehme ich wahr, was jetzt ist, ohne es gleich bewerten zu müssen. So kann ich mein Leben ordnen und im Auf und Ab meines Lebens eine göttliche Spur erkennen, die sich auch durch mein Leben zieht.

Download Interview mit Pierre Stutz

Das Interview mit Pierre Stutz wurde uns freundlicherweise von dem Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Portrait Pierre Stutz

Pierre Stutz, geboren 1953 in Hägglingen/Schweiz, studierte Theologie in Luzern und wurde 1985 zum Priester geweiht. Anschließend war er Jugendseelsorger im Fricktal und in der Bundesleitung „Junge Gemeinde“. 1988 bis 1998 arbeitete er als Dozent für Jugendpastoral am Katechetischen Institut in Luzern.
Er ist Mitbegründer und Mitglied des offenen Klosters Abbaye de Fontaine-André in Neuchâtel. Seit 1992 schreibt er als spiritueller Autor viele erfolgreiche Bücher, die im Dialog mit Mystikerinnen und Mystiker entstehen. Rege Kurs- und Vortragstätigkeit im ganzen deutschsprachigen Raum. Nach 17 Jahren als Priester legte er im Sommer 2002 sein Priesteramt nieder. Seitdem lebt er mit seinem Lebensgefährten in Lausanne.