Interview mit Dr. Bärbel Wardetzki

„Kränkungen sind oftmals eine Chance, unsere
unfertigen Geschichten zu Ende zu bringen.“

Dr. Bärbel WardetzkiMit dem Begriff Kränkung wird die Verletzung eines Menschen in seiner Ehre, seinen Gefühlen, insbesondere seinem Selbstbewusstsein bezeichnet. Was genau macht die Kränkung mit uns?

Dr. Wardetzki: Kränkungen sind Reaktionen auf Ereignisse, durch die wir uns kritisiert, zurückgewiesen, abgelehnt und in unserem Selbstwertgefühl verletzt fühlen. Daraus resultiert eine tiefe Verunsicherung unserer Person, verbunden mit Gefühlen von Ohnmacht, Wut und Selbstzweifeln. Kränkungen enden häufig im Beziehungsabbruch und der völligen Infragestellung der eigenen Person. Oder wir wenden uns in unserer Gekränktheit trotzig von unserem Gegenüber ab und sinnen auf Rache und Vergeltung.

Nehmen wir die Verwundung der seelisch-psychischen Integrität oft zu persönlich oder sind wir Mimosen? Was kann man dagegen tun?

Dr. Wardetzki: Selbstunsichere Menschen nehmen alles persönlich und geben sich für alles die Schuld. Für sie kann schon die hochgezogene Braue oder ein kritischer Blick eine Verletzung bedeuten, weil sie annehmen, etwas falsch gemacht zu haben. Ein intaktes Selbstgefühl hilft, nicht so empfindlich zu reagieren.

Manche Menschen sind schneller gekränkt als andere, hegen gar Rachegefühle. Was kann man daraus für sich selbst lernen?

Dr. Wardetzki: Die Reaktionen auf Kränkungen reichen von der Majestätsbeleidigung über Rache, Vergeltung und Beziehungsabbruch bis zur völligen Infragestellung der eigenen Person. Wenn wir herausfinden, an welchem wunden Punkt die Kränkung bei uns ansetzt, können wir uns selbst unterstützen und die Kränkungsreaktion überwinden.

Kränkungen nagen zweifellos am Selbstwertgefühl. Gibt es ein Rezept, wie wir damit umgehen können?

Dr. Wardetzki: Wichtig ist, sich nicht selbst abzuwerten, sondern zu sich zu stehen, sich den Rücken zu stärken und sich auf seine Stärken zu besinnen. Ein positives Selbstbild ist der beste Schutz gegen Kränkungen.

Sie sagen in Ihrem Buch, Kränkungen berührten oft auch einen „wunden Punkt“ in unserem Leben. Was meinen Sie damit?

Dr. Wardetzki: Ein wunder Punkt ist eine nicht verheilte Wunde und entsteht durch verletzende Erfahrungen oder Entbehrungen, die das Selbstwertgefühl angegriffen haben. Diese bleiben als sogenannte „offene Gestalten“ unabgeschlossen bestehen und brechen in Kränkungssituationen auf.

Gerade Suchterkrankungen werden oft vor dem Hintergrund von Kränkungen gesehen. Süchte bieten aber keinen Schutz, sondern unterstreichen eher die Enttäuschung vom Leben. Wie findet man da aber wieder heraus?

Dr. Wardetzki: Die Sucht ist oft eine Reaktion auf erfahrene Zurückweisungen und bedeutet, sich vom Leben abzuwenden. Erst wenn wir akzeptieren, dass nicht alles immer so läuft, wie wir das erwarten, können wir die Realität besser annehmen und brauchen nicht in die Sucht zu flüchten.

Portrait Dr. Bärbel Wardetzki

Die Diplom-Psychologin Frau Dr. Bärbel Wardetzki, 59, arbeitete lange in der Psychosomatischen Klinik Bad Grönenbach (heute Helios-Klinik Bad Grönenbach), ist heute in München als Gestalt- und Familientherapeutin, Supervisorin und Coach tätig. Mittlerweile ist sie auch eine im In- und Ausland gefragte Referentin. Bärbel Wardetzki schreibt Bücher über Essstörungen, Narzissmus und Kränkungen, und ist als Autorin mehrerer Bestseller, u. a. „Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung“, „Ohrfeige für die Seele“, „Mich kränkt so schnell keiner“ und „Erste Hilfe für die Seele“, „Eitle Liebe“ erschienen im Kösel-Verlag, einem großen Publikum bekannt.